Mama sein

Wenn das Leben endet bevor es begonnen hat.

„Es passiert so vielen, aber die meisten sprechen nicht darüber. Das Leben geht halt weiter…“ sagt meine Frauenärztin und lächelt mich aufmunternd zu, nachdem sie mir gerade kund getan hatte, dass wir wieder eine Fehlgeburt haben.

Das Leben geht halt weiter. Für mich ging in diesem Moment erstmal gar nichts weiter. Weder als mir zum ersten Mal gesagt wurde, dass der kleine Mensch in meinem Bauch sich nicht weiter entwickeln würde. Noch beim zweiten Mal, als mir beim Blick auf das Ultraschallgerät bewusst wurde, dass diese Schwangerschaft wohl in einer Fehlgeburt enden würde.

Man spricht nicht darüber sagt man. Ich finde doch, man sollte darüber sprechen. Auch wenn die Schwangerschaft noch so früh war, diese Kinder sind es wert, dass man über sie spricht. Dass sie einen Platz bekommen und sein dürfen. Dass sie keine Fehlgeburten sind, sondern Menschen mit einer unsterblichen Seele. Auch wenn sie das Licht der Welt nie gesehen haben. Und wir Frauen sind es wert. Wert sein zu dürfen, mit unserer Trauer, den Fragezeichen und der Enttäuschung. Um uns gegenseitig zu ermutigen und uns zuzusprechen, dass wir nicht allein sind. Dass es bereits andere gibt, die diesen harten Weg schon vorher gegangen sind und mir somit Stütze sein können.

Auch wenn die Schwangerschaft noch sehr frisch war, so hat sich doch in meinem Körper alles auf diesen neuen Menschen eingestellt. Unweigerlich habe ich gespürt, dass mein Körper nun von einer zweiten Person gebraucht wird. Dass er sich darauf einstellt, wofür er geschaffen wurde – um einem anderen Menschen Leben zu schenken.

Doch der Platz, der für diesen Menschen in meinem Körper und in dieser Welt bestimmt war, wird nicht eingenommen. Alles wird für den Gast vorbereitet, doch er kommt nicht. Und ich weine. Ich trauere und ich suche Trost. Und es ist ok. Der Gastgeber darf weinen, wenn der Gast für den alles vorbereitet wurde doch nicht kommt.

Um ehrlich zu sein, kam er in meinem Falle recht unerwartet. Eigentlich passte er mir gerade nicht so in den Kram. Ich wollte doch… ich sollte doch… und überhaupt… eigentlich unvorstellbar… viel zu viel. Je länger ich mich an den Gedanken gewöhnte, desto mehr konnte ich mich mit dem Gedanken anfreunden, einen Gast aufzunehmen. Die Vorkehrungen zu treffen und ihm Zugang zu gewähren, auch wenn es mir in meinem Haus sehr chaotisch vorkam. Je mehr ich mich an den Gedanken gewöhnte, desto mehr wuchs mein Vertrauen in mich selbst und uns als Familie und ich freute mich schon richtig auf diesen Gast.

Beim ersten Mal konnte ich es kaum erwarten schwanger zu werden. Noch bevor ich einen positiven Test in der Hand hielt, malte ich mir aus, wie es wohl sein würde, wenn der Gast endlich bei uns ist. Doch dann platzte die Blase. Sie war voller Vorfreude, Jubel, Erleichterung und Liebe und sie platzte schneller, als es mir lieb war. Ohne Vorwarnung. Ich verstand nicht: Wieso schenkte Gott uns erst ein Kind, nur um es dann wieder zu nehmen?! Wollte er mir absichtlich Leid zufügen?

Ich glaube, dass das Leben aus Überraschungen besteht. Dass es da stattfindet, wo Raum für Kreativität und Spontanes besteht. Wo Gäste vorbei kommen dürfen, mit denen ich nicht gerechnet habe und die ich vielleicht auch gar nicht kenne. Die mich überraschen, aber gleichzeitig auch bereichern. Wo ich an meine Grenzen komme und mir zuschaue, wie ich sie überwinde und über mich selbst hinaus wachse. Dass das Leben sich dort abspielt, wo die Dinge nicht nach meinem Plan laufen, sondern wo Raum für Wunder ist. Dort, wo nicht alles gestriegelt, perfekt und makellos ist, aber voller Liebe und Annahme. Wo Gäste spontan an der Haustüre klingeln dürfen, weil sie wissen, dass sie bei mir ein offenes Ohr und Annahme finden.

Doch der Gast kam nicht. Sein Platz blieb leer. Alles was blieb waren Schmerzen in meinem Körper und meiner Seele. Alles wäre bereit gewesen für ihn. Und auch wenn manche sagen „vielleicht ist es besser“, „wahrscheinlich wäre er gar nicht gesund gewesen“ oder „viele Frauen haben eine Fehlgeburt, das ist ganz normal“, im Herzen einer Mama hat dieser Mensch einen Platz. Für immer. Egal ob er krank, verkrüppelt, normal oder behindert gewesen wäre. Wo wäre sonst sein Platz, wenn nicht im Herzen seiner Mama?

Und so lasse ich wieder Raum für das Spontane. Für das Unvorhergesehene und für Wunder. Ich brauche ein Wunder. Eines das mich heilt und mir neue Hoffnung schenkt. Das mich vertrauen lässt, dass Gott einen größeren Plan hat und alles in seinen liebenden Armen liegt – ich und das Kind, das wir nie kennen lernen werden.

Wieder einmal klammere mich wie ein kleines Kind an ihn, der mir schon 100 Mal bewiesen hat, dass er imstande ist Wunder in meinem Leben zu tun. Ich weiss er wird sie wieder tun. Meine Burg und mein Fels.

Wenn dir ähnliches passiert ist: Lass uns gemeinsam an Gott klammern. Erst als ich mich selbst getraut habe über dieses Thema zu sprechen, habe ich gemerkt, dass ich nicht die einzige bin. Wir müssen nicht alleine kämpfen, sondern können uns gegenseitig Stütze sein, einander trösten und füreinander da sein.

Und das Leben geht weiter und es ist gut so. Ich bin nicht mehr dieselbe. Und auch das ist gut so. Wieder einmal habe ich erkannt, wie kostbar und verletzlich das Leben ist und dass es wahrhaft ein Privileg ist sein zu dürfen.

Wenn du diesen Text liest und dein Kind nicht aufgrund einer Fehlgeburt verloren hast, so ist auch meine message an dich: Du darfst trauern! Lass es zu. Doch bleibe nicht bei dir stehen. Bei Rechtfertigungen, Erklärungen und Ablenkungen. Es gibt einen Ort, an dem du und dein Kind sicher sind – in den Armen Gottes. Lass ihn hinein in deine Ängste, Trauer und Wut und er wird dein Herz heilen und dich wieder lebendig machen.

Wenn du mit dem Gedanken spielst, den Gast nicht in deinem Haus aufzunehmen, rate ich dir diese Homepage. Es gibt wunderbare Alternativen, bei denen du den Gast nicht aufnehmen musst, er aber dennoch seinen Platz auch auf dieser Erde einnehmen darf.

Wenn du jemanden kennst, für den dieser Bericht eine Ermutigung sein könnte, leite ihn doch gerne weiter. Danke!

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2 Comments

  • Reply
    Marc L.
    22. November 2018 at 14:14

    Was für ein berührendes Zeugnis!
    Wenn ich fragen darf, wäre das ein Sohn oder eine Tochter gewesen?

    • Reply
      Christina
      11. Dezember 2018 at 14:02

      Das wissen wir nicht – dazu war es zu früh.

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